Kolumne von Jürg Grossen

Wer glaubt, Elektroautos seien ein skandinavisches Phänomen, sollte nach Uruguay schauen. Das südamerikanische Land produziert seinen Strom mit 98 Prozent praktisch vollständig erneuerbar. Und nun elektrifiziert Uruguay auch seinen Verkehr im Schnelltempo: Im Juli waren bereits 53 Prozent der neu zugelassenen Personenwagen vollelektrisch. Zum Vergleich: In der Schweiz waren es gerade einmal 26 Prozent.
Das sollte uns zu denken geben. Die Schweiz war bei der Elektromobilität einmal vorne dabei. Inzwischen sind nicht nur Norwegen mit 98 und Dänemark mit 80 Prozent weit voraus. Auch die Niederlande, Belgien, Frankreich, Deutschland und Österreich haben uns überholt. Die Elektromobilität setzt sich durch. Die Frage ist nicht mehr, ob sie kommt, sondern wie lange die Schweiz noch hinterherfahren will. An den Fahrzeugen liegt es nicht. Die Modellpalette ist breit, die Reichweiten sind alltagstauglich und die Preise sinken. Auch der Occasionsmarkt wächst. Und weil Elektroautos wesentlich weniger Energie benötigen und weniger wartungsintensiv sind, sind sie im Betrieb günstiger als Verbrenner.

Gerade jetzt zeigt sich ein weiterer entscheidender Vorteil: Strom können wir in der Schweiz selber produzieren – Benzin und Diesel nicht.
Unsere Energieversorgung ist noch immer stark vom Ausland abhängig. Erdöl und Erdgas müssen wir vollständig importieren. Damit bezahlen wir Jahr für Jahr Milliarden für klimaschädliche Energie, statt die Wertschöpfung mit sauberer Energie im Inland zu behalten. Und wir sind den internationalen Öl- und Gaspreisen sowie geopolitischen Krisen ausgeliefert. Wie schnell das teuer wird, erleben wir gerade wieder an der Tankstelle.
Ein Elektroauto braucht zudem für die gleiche Strecke nur rund einen Drittel der Energie eines Verbrenners. Jeder Kilometer, den wir elektrisch statt mit Benzin oder Diesel fahren, senkt deshalb unseren Energieverbrauch, unsere CO₂-Emissionen und unsere Abhängigkeit vom Ausland gleichzeitig.
Eigentlich müsste ein rohstoffarmes Land wie die Schweiz ein enormes Interesse daran haben, diesen Wechsel möglichst rasch zu vollziehen. Doch wir tun teilweise das Gegenteil.
2024 wurde vom Bundesrat die vierprozentige Automobilsteuer auch auf Elektroautos eingeführt. Bereits werden weitere Abgaben diskutiert. Wer zur Miete oder im Stockwerkeigentum lebt, kann noch immer nicht selbstverständlich dort laden, wo das Auto ohnehin stundenlang steht. Und Unternehmen, die Ladeinfrastruktur aufbauen wollen, kämpfen teilweise mit langwierigen Bewilligungen, Netzanschlüssen und hohen Kosten.
Dabei können Elektroautos künftig sogar Teil unseres Energiesystems werden. Intelligent geladen beziehen sie Strom dann, wenn genügend davon vorhanden ist. Mit bidirektionalem Laden können Millionen Fahrzeugbatterien zusätzlich als dezentrale Speicher dienen. Das entlastet die Stromnetze und hilft, Solarstrom besser zu nutzen. Andere Länder zeigen, wie schnell der Wandel gehen kann. In Dänemark stieg der Elektroanteil innerhalb weniger Jahre auf 80 Prozent. Und Uruguay zeigt eindrücklich, dass eine weitgehend erneuerbare Stromversorgung und Elektromobilität hervorragend zusammenpassen.
Wenn Uruguay 98 Prozent erneuerbaren Strom und bereits 53 Prozent Elektroautos bei den Neuzulassungen schafft, gibt es keinen vernünftigen Grund, weshalb die Schweiz das nicht auch schaffen sollte.
Wir haben Wasserkraft, einen stark wachsenden Solarstromanteil, hervorragende Stromnetze, innovative Unternehmen und genügend Kaufkraft. Was fehlt, sind nicht die technischen Möglichkeiten, sondern konsequente Rahmenbedingungen.
Deshalb muss die Schweiz jetzt rasch die Bremsen lösen, Bundesrat und Parlament haben das in der Hand: Laden zuhause und am Arbeitsplatz ermöglichen, Ladeinfrastruktur rascher ausbauen, Importsteuern abschaffen, unnötige regulatorische Hürden beseitigen und intelligentes sowie bidirektionales Laden ins Energiesystem umsetzen.
Die Elektromobilität kommt sowieso. Sorgen wir dafür, dass die Schweiz nicht weiter hinterherfährt, sondern wieder vorne mit dabei ist.
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Jürg Grossen ist seit 2011 Nationalrat und seit 2017 Präsident der GLP. Er ist Co-Geschäftsinhaber und VR der Firmen elektroplan Buchs und Grossen AG, ElektroLink AG und Smart Energy Link AG. Er präsidiert zudem den Fachverband Sonnenenergie Swissolar, den Elektromobilitätsverband Swiss eMobility und den Verein SmartGridready.
Jürg Grossen ist verheiratet, hat drei erwachsene Kinder und wohnt und arbeitet in Frutigen BE. Hobbys: Mountain-Bike, Skitouren, Fussball, Gitarre spielen, Reisen.



